(German Fulbright Commission – Institute of International Education)
Vom 26. September bis 1. Oktober nahm ich an einer gemeinsamen Delegationsreise des Wissenschaftsrats und der Hochschulrektorenkonferenz nach Boston teil. Mit der Reise sollte die Delegation einen Einblick in die Verfahren und die Erfahrungen im amerikanischen Akkreditierungssystem erhalten, um Anregungen und Impulse für die Diskussion in Deutschland mitzunehmen.
Die Reise vermittelte einen umfassenden Einblick in das amerikanische Akkreditierungswesen. Sie war sehr gut organisiert und bot ein zielgenaues Programm, das in kurzer Zeit erfolgreich abgewickelt wurde.
Das Seminar umfasste sieben Vorträge, in denen Vertreter der amerikanischen Akkreditierungsinstitutionen detailliert über die Akkreditierungsverfahren für amerikanische Hochschulen aus der Sicht der Akkrediteure informierten. Darüber hinaus wurden sieben Hochschulen besucht, die die ganze Spannbreite amerikanischer Hochschultypen von der privaten Forschungsuniversität bis zum Community College repräsentierten: Harvard University, University of Connecticut at Storrs, University of Massachusetts at Amherst, Emmanuel College, Babson College, Springfield Technical & Community College. Hier berichteten zuständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung über ihre jeweiligen Erfahrungen mit Programmakkreditierung und Institutioneller Akkreditierung.
Bei der Bewertung der gewonnenen Erkenntnisse muss berücksichtigt werden, dass das US-Hochschulsystem nicht mit dem europäischen oder deutschen vergleichbar ist. Zu den Institutions for Higher Education zählen insgesamt 3.500 Non-Profit Institutionen und 1.400 For-Profit Institutionen. Nur 281 Institutionen entsprechen den deutschen Volluniversitäten. Education ist eine Ware, weshalb der kommerzielle Aspekt in jeder Hinsicht dominiert. Die finanzielle Ausstattung und damit das Verhältnis von Lehrenden und Studierenden sowie die Qualität der Bauten und Einrichtungen sind in der Regel ungleich besser als in Europa. Die staatliche Universität von North Carolina at Chapel Hill zum Beispiel hat ein Budget von 1,6 Mrd. Dollar bei 26.000 Studierenden. Einer solchen Einrichtung fällt es dann auch nicht so schwer, das Verwaltungspersonal bereitzustellen, das dem erstaunlich komplexen und bürokratischen Aufwand für die Akkreditierungen im Wesentlichen begegnen kann.
Im Unterschied zu dem noch jungen Akkreditierungswesen in Deutschland wurden Akkreditierungen in den USA schon ab Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt, weil angesichts der Vielfalt der gewachsenen Einrichtungen sichergestellt werden sollte, dass erworbene Credits an anderen Institutionen anerkannt werden. Die Akkreditierung eines Programms bildet heute auch die Voraussetzung dafür, dass Studierende das staatliche Stipendium erhalten können, was wiederum für die Bestreitung der Studiengebühren notwendig ist. Aus diesem Zusammenhang wird verständlich, dass keine Universität auf die Akkreditierung verzichtet.
Heute gibt es im Wesentlichen zwei Arten von Akkreditierung: Die Institutionelle Akkreditierung durch regionale Agenturen, die von den Bildungsinstitutionen getragen werden, und die Programmakkreditierung durch unabhängige Non-Profit Organisationen. Jede Akkreditierungsorganisation hat ihre eigenen Standards. Die Liberal Arts/Humanities werden nicht programmakkreditiert. Allerdings hat z.B. Amherst für diese ein eigenes internes Qualitätssicherungsverfahren eingeführt. Der jeweilige Bundesstaat ist stets involviert, weil er im Sinne der Consumer Protection dafür Sorge tragen will, dass Studierende ein angemessenes Produkt für die Studiengebühren erhalten und dass die Ausbildung eine qualifizierte Berufstätigkeit garantiert.
In der Methode unterscheiden sich die Verfahren formal nicht von den in Deutschland bekannten. Sie sind gleichermaßen bürokratisch und haben durchaus auch ein Akzeptanzproblem bei den Professorinnen und Professoren. Allerdings hat die Akkreditierung in den USA das Ziel, die Qualität zu verbessern, weshalb sowohl die Stärken als auch die Schwächen betrachtet werden und die Universität beraten wird, wie sie das Niveau anheben kann. In Deutschland wird hingegen nur geprüft, ob Minimalstandards eingehalten werden; Beratungsleistungen sind den Agenturen ausdrücklich untersagt. Die Akkreditierung gilt meist für zehn Jahre, nach fünf Jahren wird ein Zwischenbericht fällig.
Bezugspunkt der Beurteilung ist das Mission Statement, das fast alle Hochschulen individuell definiert haben und in dem sie ihre je eigenen Bildungsziele niederlegen. Die für ihre Aufgabe – im Unterschied zu Deutschland – intensiv geschulten Peer-Gutachterinnen und Gutachter müssen sich daher nicht sklavisch an detaillierte Vorgaben eines Akkreditierungsrates halten, sondern fragen nach der Plausibilität der Verfahren, die eine Hochschule wählt, um ihre Bildungsziele zu erreichen.
Ein auffallender Unterschied besteht darin, dass offenbar weniger als in Deutschland auf das Qualitätsmanagement geachtet wird, das in Deutschland den Kern der Systemakkreditierung ausmacht und auch weiterhin ausmachen sollte.
Aus der Anschauung der amerikanischen Verhältnisse leite ich ab, dass in Deutschland das Akkreditierungswesen reduziert werden sollte auf eine institutionelle Akkreditierung, die dem Nachweis dient, dass eine Hochschule in der Lage ist, ein Qualitätsmanagement zu betreiben und in diesem Rahmen auch die Qualität ihrer Studienprogramme zu sichern. Die Systemakkreditierung weist in diese Richtung, ist derzeit aber noch zu detailliert und zu aufwendig.
Dienstag, 12. Oktober 2010
Educational Experts Seminar “Accreditation and Quality Control in U.S. Higher Education”
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