Montag, 20. Juni 2011

Flexibilisierung des Studiums

Good Practice-Beispiel: Das Teilzeitstudium Bauingenieurwesen

von Christian K. Karl und Prof. Dr. Franz Bosbach

Wie lassen sich planvolles Studieren und externe Verpflichtungen wie Kinder betreuen oder Geld verdienen übereinbringen? Auf diese Frage haben die Bauwissenschaften eine Antwort. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Studierendenbefragung 2009, der damit einhergehenden Forderung der Studierendenschaft nach einer Flexibilisierung des Studiums und der Verankerung dieser Forderung im Hochschulentwicklungsplan durch das Rektorat, haben die Bauwissenschaften ein Teilzeitstudium konzipiert und akkreditiert. Dass sich dieses Teilzeitstudium großer Beliebtheit erfreut, wurde unter anderem kürzlich auf der Hochschulrektorenkonferenz-Tagung „Hochschulen öffnen. Flexible Studienangebote gestalten. Qualität sichern.“ deutlich. Dort wurde das Teilzeitstudium in den Bauwissenschaften als „Good-Practice“-Beispiel vorgestellt.

Befragung zur Lebens- und Studiensituation
Im Jahr 2009 führte die UDE eine Erhebung innerhalb der Studierendenschaft durch, aus der Erkenntnisse in Bezug auf die Zusammensetzung der Studierenden, die Lebens- und Studiensituation und die subjektive Wahrnehmung der Studienbedingungen gewonnen wurden. Diese Befragung hatte des Weiteren zum Ziel eine valide Basis zu schaffen für die Reform bzw. Einrichtung von Studiengängen und Beratungsangeboten an der UDE.

Ein Ergebnis dieser Erhebung ist, dass die Studierenden Alternativen zum klassischen Präsenzstudium im Hinblick auf Ihre eigene Studiensituation für sehr sinnvoll erachten. Dabei sprechen sich fast 40% der befragten Studierenden für Teilzeitstudienmöglichkeiten aus.

Insbesondere Studierende mit Kind(ern) (63%) und sich selbst finanzierende Studierende (49%) sind dieser Meinung.

Lebensstandard erhalten
Bei fakultätsspezifischer Betrachtung zeigt sich im Bereich der Ingenieurwissenschaften, dass sich die Ansprüche der Studierenden an das Lebensumfeld und die Qualitäten im Vergleich mit dem „klassischen Studierenden“ massiv geändert haben. Dabei geben 14,3% der Studienanfänger in diesem Bereich an zuvor eine Berufsausbildung absolviert zu haben. Insofern hat sich diese Gruppe bereits vor Studienbeginn einen gewissen Lebensstandard (eigene Wohnung, KFZ, Freizeitaktivitäten, Urlaube etc.) geschaffen, auf den die meisten auch während der Studienzeit nicht verzichten können/ wollen.

Wird in diesem Zusammenhang die Studienfinanzierung genauer betrachtet zeigt sich, dass die Erwerbstätigkeit nicht nur für Studierende mit vorheriger Berufsausbildung von Interesse zu sein scheint. Über die Hälfte der Studierenden in den Ingenieurwissenschaften geben an, während der Vorlesungszeit erwerbstätig zu sein. In der vorlesungsfreien Zeit, in welcher sich die Prüfungszeiträume und somit auch die primären Prüfungsvorbereitungszeiten befinden gehen immerhin noch 40% der Befragten einer Erwerbstätigkeit nach.

Es steht daher außer Frage, dass sich hier große unterschiedliche Strukturen des persönlichen Zeitbudgets zeigen und somit auch im individuellen Studienverhalten widerspiegeln.

Längere Studiendauer
Die zur Verfügung stehende Zeit für das Studium wird somit um ein zuvor nicht in diesem Umfang bekannten Maße eingeschränkt. Scheinbar aus diesen Gründen geben über 45% der angehenden Ingenieurinnen und Ingenieure an, voraussichtlich länger zu studieren, als es die Studien- und Prüfungsordnungen vorsehen. Davon nennen 61% explizit als Grund die Studienfinanzierung.

Vor allem bei einer weiteren Zielgruppe zeigt sich deutlich, dass die zur Verfügung stehende Zeit für das Studium stärker eingeschränkt ist als bisher erwartet, denn 2,1% der Studierenden in diesem Bereich geben an Kinder zu haben, wovon rund 29% die Kinder auch selbst betreuen. Demnach stehen die Studierenden nicht mehr nur sich selbst gegenüber in der Verantwortung, sondern auch gegenüber ihren eigenen jungen Familien.

Finanzieller und zeitlicher Druck
All dieses zeigt, welchem enormen finanziellen und auch zeitlichen Druck die Studierenden aktuell ausgesetzt sind. Daher scheint es durchaus verständlich, dass von Seiten der Studierendenschaft eine Flexibilisierung des Studiums gefordert wird.

Flexibilisierung des Studiums
Diese Forderung wurde vom Rektorat der UDE in der aktuellen Hochschulentwicklungsplanung berücksichtigt, welche die Fakultäten durch Supporteinheiten bei der Umsetzung von Flexibilisierungsmaßnahmen in Bezug auf das Studienangebot wie z.B. durch Teilzeitmöglichkeiten, Angebote neuer Lehr- und Lernformen (z.B. Blended Learning, Selbststudium) bis hin zu Abend- und Wochenendveranstaltungen unterstützen soll.

Teilzeitstudium in den Bauwissenschaften
Im Winter 2010 wurde als erster Schritt zur Flexibilisierung des Studiums in der Abteilung Bauwissenschaften auf Basis der bereits erfolgreich angebotenen Bachelor- und Master-Studienprogramme ein Teilzeitstudium konzipiert und akkreditiert, welches am 08. Juni in Berlin auf der Tagung „Hochschulen öffnen. Flexible Studienangebote gestalten. Qualität sichern.“ der Hochschulrektorenkonferenz als „Good Practice“-Beispiel vorgestellt wurde.

Zielgruppe des Teilzeitstudiums sind Studierende mit zusätzlichen Verpflichtungen, d.h. Studierende, die in erhöhtem Maße einer Erwerbstätigkeit nachgehen (müssen), Kinder erziehen, nahe Angehörige pflegen u.ä.

Konkret bedeutet das, dass pro Semester die Hälfte der festgelegten Studienleistungen erbracht werden müssen. Insofern stellt das Teilzeitstudium primär eine Entzerrung des Vollzeitstudiums dar, in der die Studierenden planvoll Studium und externe Verpflichtungen überein bringen können. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Studierende mit zusätzlichen Verpflichtungen innerhalb eines Vollzeitstudiums immer wieder versuchen zu viele Veranstaltungen/ Prüfungen je Semester zu absolvieren, um trotzdem innerhalb der Regelstudienzeit zu bleiben. Den Meisten von ihnen ist zwar bewusst, dass ein Festhalten an der Regelstudienzeit unter den gegebenen Umständen alles andere als sinnvoll ist, doch erliegen sie trotz alledem viel zu oft der Versuchung, 7 oder gar 8 bis 9 Prüfungen innerhalb eines Semesters erfolgreich bestehen zu wollen. Resultat ist zumeist ein Teufelskreis mit viel zu vielen (teilweise bereits mehrfach durchlaufenen) Prüfungen, welche sie vor sich her schieben.

Zeitliche Entzerrung
Eine zeitliche Entzerrung in Form eines Teilzeitstudiums soll hier ein Angebot schaffen, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und unter den gegebenen Umständen bewusster und planvoller studieren zu können.

Dabei werden im ersten Schritt keine zusätzlichen Lehrveranstaltungen speziell für Teilzeitstudierende angeboten. Das Studium im Bachelor-Studiengang wird von 7 Semester (Vollzeitstudium) auf max. 13 Semester und im Master-Studienganges von 3 auf max. 6 Semester „gestreckt“; statt 30 Credits werden pro Semester ca. 15 Credits erworben.

Das Teilzeitstudium führt im Bachelor-Programm in Summe zu 210 Credits und daher auch zum ersten berufsqualifizierenden akademischen Abschluss (B.Sc.). Gleiches gilt für das Master-Teilzeitstudium.

Wechsel jederzeit möglich
Ein Wechsel von Vollzeit in Teilzeit sowie zurück ist zum Ende bzw. vor Beginn des neuen Semesters jederzeit möglich. Diese Flexibilität gibt den Studierenden die Möglichkeit, sich abhängig von der aktuellen Situation semesterweise entscheiden zu können mehr Kurse/ Prüfungen absolvieren zu können oder auch nicht. Die Studienbeiträge werden entsprechend der Studiendauer reduziert, d.h. bei maximal doppelter Regelstudienzeit halbieren sich die Semesterbeiträge. Die Krankenkassenbeiträge bleiben dabei unverändert.

Insofern stellt dieses Studienmodell einen wichtigen ersten Schritt zur Flexibilisierung des Studiums dar, auf dem die Abteilung Bauwissenschaften in Zukunft weiter aufbauen wird, um die bisher hochwertige Studiensituation weiter zu optimieren und an die aktuellen Anforderungen der Studierenden anzupassen.

2 Kommentare:

  1. Ob das alles so toll ist, kann bezweifelt werden. Die Teilzeitangebote der UDE beruhen schlicht und einfach auf einer Streckung des normalen Angebots. Es gibt also keine besonderen Module oder aber Lehrveranstaltungen zu Tagesrandzeiten. Wenn sowas schon als Good-Practice gilt, wirft dies ein besonderes Licht auf den Stand der Umsetzung des Bologna-Prozesses.

    Ich bin mal gespannt, wann der erste "richtige" Teilzeitstudiengang an den Start geht!

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  2. Eigentlich habe ich bisher auch eine solche kritische Meinung vertreten, aber zwischen Teilzeitstudium und Teilzeitstudiengang scheint ein Unterschied zu sein. Insofern schätze ich, dass unsere Uni wohl mit dem Teilzeitstudium einen ersten Schritt macht hin zu vollwertigen Teilzeitstudiengängen, wo es dann auch zusätzliche Angebote wie Veranstaltungen zu Tagesrandzeiten usw. geben wird. Im Gegensatz zu anderen Unis scheint sich zumindest was bei uns zu tun. Und das finde ich gut.

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